Die Stadt und der Hass. #Baudrillard

 

“ (…) Wir alle haben den Hass. Es hängt nicht von uns ab, ihn nicht zu haben. Wir alle haben die fragwürdige Sehnsucht nach dem Ende der Welt, die Sehnsucht, ihr ein Ende, einen Endzweck zu setzen —egal um welchen Preis, sei es um den des Ressentiments oder der totalen Ablehnung der Welt, wie sie ist. In dem Hass gibt es auch den Drang, die Dinge zu überstürzen, um mit dem System Schluss zu machen, um etwas anderes hervorzubringen, ein Ereignis, das von woanders herkommt, um den anderen hervorzubringen. In diesem coolen Fanatismus gibt es eine endzeitliche Form der Provokation und — vielleicht sogar — Hoffnung. (…)“

Jean Baudrillard, Die Stadt und der Hass, aus: Perspektiven metropolitan Kultur, Hrsg. Ursula Keller, 2000

 

failedspaces_konzeptnotiz 1

der hier gesammelte content soll zusammenfallen in eine viedeoinstallation auf dem mittelstreifen vor dem hds. auf der filmebene soll das hds im ist-zustand untersucht werden, architektur und film, essayfilmisch. auf der tonebene soll sachlich und eindeutig das thema leerstand, nicht-ort, die funktion von orten behandelt werden.

#2_tauchen_auszug

WENN ES MENSCHEN GIBT DIE NUR UNTER WASSER LEBEN, DANN SOLLTE DAS HAUS DER STATISTIK VIELLEICHT EINFACH GEFLUTET WERDEN … deshalb:

 

„p, können wir gehn?“,  und ein leises: „bitte .“ er streicht ihr die vertrockneten haare aus der stirn und küsste sie.

das ist wie im regen tanzen. doch irgendwann ist der regen einfach nur noch wasser, das vom himmel fällt und dann wird es schwer nicht nass und kalt zu sein. schönleinstrasse. bis jetzt hatten sie sich nicht wirklich nach oben getraut. einmal kurz hatte gereicht. es war windig gewesen auf dem hermannplatz, aber der wind hatte nur mit ihren haaren gespielt. sie selbst waren schwer und unbeweglich einfach stehen geblieben.

wo sie her kamen, da trug einen der wind fort, man konnte sich fallen lassen, war nicht stärker als er. aber das war schön. hier kamen sie sich so unendlich schwer und unbeweglich vor, wenn vor ihren augen die haare im wind wehten. sie hielt ihre flasche seit dem ankommen etwas zu fest. ihre hand begann nun den krampf an den arm abzugeben. auch das noch. aber hier kann man loslassen nicht wieder gut machen. loslassen heißt zerstören. wenn etwas fällt, dann bis auf den boden. es bleibt keine zeit. die zeit zwischen loslassen und aufprall, in dieser zeit lebt sie eigentlich. doch diese zeit gibt es hier nicht. sie ließ die dinge ja nicht los um sie zu zerstören, sondern vielmehr um sie nicht zu nötigen. die bahn fuhr nun ohne sie weiter. erstmal zur treppe, hinsetzen. die flasche abstellen. die taschen vom handgelenk befreien. wohin sie jetzt nicht fuhren wussten sie ebenso wenig wie wo sie jetzt waren.

weiter …  sagt p. nicht noch schwerer werden. da steigen nun zwei menschen wie du und ich auf eine merkwürdige weise konzentriert die paar stufen vom ubahnhof hoch ans tageslicht. immer wieder schlagen ihre taschen auf stein. sie schafft die ersten stufen, dann können ihre fü.e für einen moment nicht mehr verbergen dass ihnen all das fremd ist. sie fällt. er dreht sich nach ihr um. so machen wir das auch, und dann können wir uns kümmern.

er dreht sich also wie wir uns drehen, doch kümmern geht nicht mehr. weil es keinen widerstand gibt, geht alles zu schnell. auch er stolpert die stufen hinunter. bis unten findet er keinen halt. er versucht es garnicht, lässt sich fallen. alles andere wäre zu viel auf einmal. (…)

 

Manifesto

Wohin mit den Träumen in dieser verkauften Welt oder
Das Recht auf Leerstand

Unsere Arbeit stellt die Hypothese auf das der Leerstand ein notwendiger Bestandteil der postmodernen urbanen Textur ist. In Abgrenzung zur gängigen urbanen bzw. architektonischen Praxis begreifen wir unsere Aufgabe als ArchitektInnen nicht darin jeden freigewordenen Raum wieder zu füllen, sondern auch darin, Räume in ihrer Nacktheit und scheinbaren Nutzlosigkeit freizustellen.

Besonders in der postkapitalistischen Stadt, die nicht mehr primär als Ort der Warenproduktion sondern als Ort des Lebens begriffen wird kommt dem Leerstand eine extrem wichtige Rolle zu: Sehnsuchtsproduktion, Ausstieg aus dem Verwertungsdenken, wartend, nutzlos steht der imaginäre, alles mögliche Freiraum wie eine Skulptur über der Stadt.